Laufsport

Für jeden das passende Training: vom Genuss- bis zum Marathonläufer – in verschiedenen Leistungsgruppen

Holzkirchner Marktlauf

am 30.10.2022 über 650m, 1,25km, 2,4km, 10km und 10 Meilen.

 

Kids-Bike-Anlage

MTB-Trainingsgelände für Kids und Jungebliebene – ein gemeinsames Projekt vom RSLC und équipe vélo - Einzigartig

Im Glück zwischen den Speichen

„Oh, Champ Elysees“: Manuel Scheichl hat einen Traum, einen großen Traum. Der Handbiker aus Bayerbach will bei den Paralympics 2024 in Paris starten. Im neuen Jahr möchte er sich für das Rennen seines Lebens qualifizieren – und er kann dabei nicht nur auf Muskeln und ein neues Carbon-Bike vertrauen, sondern auf eine große innere Kraft.
Von Michael SchererUngebremst im Winter: Manuel Scheichl montiert an seinem alten Handbike die Bremsgriffe ab, in der kalten Jahreszeit trainiert der Sportler in den heimischen vier Wänden – „auf der Rolle"
Es ist kalt im Rottal, Manuel Scheichl (41) rollt vor in einen Raum hinter der Garage. Zwei Meter ist das Viereck in etwa breit, vielleicht vier Meter lang. An der Stirnwand hängt ein CD-Regal, an der Seite, auf einem Schrank, stehen Motorrad-Modelle und liegen -Helme. Unspektakulär oder vielleicht auch nicht für einen Mann, der seit einem Motorrad-Sturz querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Fürs große Spektakel ist in diesem Raum jedoch ein Gefährt mit drei Rädern zuständig, an dem alles irgendwie verkehrt scheint. Die Kurbeln in Hüfthöhe, der Übersetzer führt die Kette von oben nach unten, die Bremse über dem Rahmen. Doch für den 41-Jährigen befindet sich an dieser Handbike-Rennmaschine überhaupt nichts am falschen Fleck, nur die Bremsgriffe können in der kalten Jahreszeit runter, denn Manuel Scheichl trainiert „auf der Rolle“ – bei ihm läuft halt das Vorderrad auf einer Walze.
„Früher war’s eher Breitensport“
Mit seinem Bike ist der Niederbayer in diesem Jahr nicht allein durch deutsche Lande gereist. Nein, der Niederbayer fährt inzwischen nicht nur Weltcups, sondern qualifizierte sich 2022 auch erstmals für die Weltmeisterschaft. In Baie-Comeau. In Kanada. Obwohl Manuel Scheichl seinen Sport erst seit drei Jahren so richtig mit Passion betreibt, „zuvor war’s eher Breitensport“.
Der Kontakt zum Oberösterreicher Walter Ablinger aus Rainbach bei Schärding brachte den Niederbayern ins Rollen. Der zweifache Olympiasieger, Welt- und Europameister motivierte ihn zum gesteigerten (Trainings-)Aufwand, in Elmar Sternath vom RSLC Holzkirchen fand der 41-Jährige einen wunderbaren Trainer. „Wir probieren das jetzt mal“, sagte Sternath, ein ebenfalls erfolgreicher österreichischer Paracycler.
Und seit dieser Saison läuft’s: Nach dem Europacup-Sieg 2021 im slowakischen Tuchov beginnt die Saison nach einem 14-tägigen Trainingslager auf Mallorca mit den Weltcup-Rennen in Elzach (Landkreis Emmendingen/Baden-Württemberg). Platz 3 beim Einzelzeitfahren und Rang 5 beim Straßenrennen über 44 Kilometer springen Anfang Mai dabei heraus, „fürs erste Mal nicht schlecht, aber ich habe Lehrgeld gezahlt“, erinnert sich der Weltcup-Novize – gerade mit den engen Kurven auf dem Rundkurs kam der Niederbayer nicht wirklich zurecht. Aber welche Sportler-Karriere verläuft schon als Erfolgs-Gerade?
Immerhin: Nach den Wettbewerben im Badischen ereilt Scheichl eine WhatsApp vom Bundestrainer. Mit schönem Inhalt: „Er hat mich informiert, dass ich bei der Europameisterschaft mitfahren darf.“ Und das quasi vor der Haustür, in Peuerbach (Oberösterreich), fährt Manuel Scheichl im Einzelzeitfahren auf Rang 4, im Rennen auf den 3. Platz – damit hat er Ende Mai das Ticket für die WM in der Tasche.
Große Erkenntnis bei der DM
Einen wichtigen Moment erfährt der Niederbayer allerdings nicht bei einem internationalen Kräftemessen, sondern in Nordrhein-Westfalen. Bei den Deutschen Meisterschaften. Der 41-Jährige landet vor den Toren Kölns in Frechen im Einzelzeitfahren „nur“ auf Rang 4, lässt aber im Straßenrennen die Konkurrenz hinter sich. Gold für Scheichl, Gänsehaut-Alarm beim behinderten Sportler aus der kleinen Gemeinde im Rottal. „Da habe ich das erste Mal richtig gemerkt, dass es lohnt, sich zu quälen. Für ein Ziel.“
Als Deutscher Meister geht’s für den Flachländer im Juli weiter in die Alpen – zum zweiwöchigen Trainingslager mit der Nationalmannschaft, er möchte bestens vorbereitet sein für die Weltcup-Rennen und die Weltmeisterschaft im fernen Kanada. Doch die Höhe im Gebirge bereitet seinem Körper zunächst Probleme, sein Kopf schmerzt. Erst langsam bessert sich die Lage auf 1800 Metern Meereshöhe in Livigno. Die Pein im Kopf bekommt er auch durchs richtige Trinken in den Griff.
Aber nicht nur die Flüssigkeits-Aufnahme zur rechten Zeit ist bisweilen ein Problem für den Hochleistungssportler, auch die -Abgabe. „Ich kann nicht richtig schwitzen“, sagt Manuel Scheichl, „das ist eine Folge der Lähmung ab dem Brustwirbel.“ Für Otto-Normal-Mensch ist dies eher ein marginales Problem, für einen Sportler ist es ein echtes, denn Scheichls Körper erhitzt sich ja durch die permanente Belastung und kann die Wärme nicht richtig – eben durch Schweiß – abtransportieren. Deshalb trainiert der Bayerbacher im Sommer auch gerne schon mal um 5 Uhr morgens, aber in den Griff bekommt er dieses Dilemma nicht wirklich. „Andere schwören auf Cool-Shirts, ich hab’s probiert, bringt nix“, gesteht der 41-Jährige. Ihm bleibt also nur, seinen Körper regelmäßig per Trinkflasche zu kühlen. Ein Lernprozess.


„Bin mir vorgekommen wie der reinste Amateur“
Die Kühl-Problematik macht sich vor allem bei einem Wettbewerb in dieser Saison bemerkbar: den Weltcup-Rennen in Quebec, vor der Weltmeisterschaft. „Es war 30 Grad heiß und schwül, der Wahnsinn“, sagte der 41-Jährige. Mehr als Platz 5 im Einzelzeitfahren und Rang 6 im Straßenrennen gelingen nicht, Manuel Scheichl ärgert sich. „Ich bin mir vorgekommen wie der reinste Amateur.“ Der Frust sitzt tief, weil ihm bei den Rennen immer wieder vor Augen geführt wird, dass er eigentlich mit einem klaren Nachteil ins Duell mit der Weltspitze startet: „Selbst die Brasilianer fahren mit Carbon-Rahmen, mein Bike ist einfach viel zu schwer.“
Mit diesem Ärger geht’s weiter zur WM-Premiere ins gut 400 Kilometer weit entfernte Baie-Comeau. Scheichl ist nervös, fühlt sich unwohl, „ich war einfach nicht entspannt“. Vielleicht ist es die Ferne, vielleicht ist die Fremde, vielleicht die lange Zeit allein unterwegs zu sein. Natürlich telefoniert er täglich mit seiner Frau Sonja und seinen beiden Kindern Tobias (9) und Simon (11). „Mir haben auch sehr viele Freunde und Bekannte geschrieben und bei meiner Frau nachgefragt, das hat mich sehr gefreut“ – der äußere Rahmen mit wiederum hohen Temperaturen sowie gehörig Lampenfieber lassen am Ende aber nicht mehr zu als jeweils Rang 6 im Einzelzeitfahren und im Straßenrennen bei seiner ersten Paracycling-WM.
„Aufgeben gibt es für mich aber nicht“, sagt der passionierte Angler unmittelbar nach der Ankunft in den heimischen vier Wänden. Das ist für ihn ein Kraftort, das Haus in Bayerbach, die Lieben um sich herum. „Ich freue mich schon auf die WM im nächsten Jahr in Glasgow, da möchte ich auf jeden Fall wieder dabei sein“, sagt er. Und dann mit einem konkurrenzfähigen Rad. Aus Carbon.
Die Maschine ist schon in der Mache, ein Tscheche baut das High-Tech-Teil für den Niederbayern zusammen. 16,5 Kilo (Wettkampf-Gewicht) wiegt sein aktuelles Rad, das neue „nur“ noch 10,5 Kilo. Jeder Alltagsradler weiß: Am Berg zählt jedes Kilo, so dass der Handbiker aus Bayerbach endlich mit konkurrenzfähigem Material den Kampf um den Sieg aufnehmen kann. Im Trainingslager in den Alpen hat er so ein Rad schon mal getestet, „das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“ – Manuel Scheichl feiert deshalb im April ein zweites Mal Weihnachten, dann steht der Carbon-Renner vor der Tür.
Zweites Mal Weihnachten im nächsten April
Aber der 41-Jährige baut nicht nur auf Technik, sondern setzt den Hebel auch am eigenen Körper an, schwimmt und stemmt Gewichte beim Nachbarn Jürgen Goldberger, in dessen kleinem aber feinem Fitnessstudio Manuel Scheichl des Öfteren in der Woche zu finden ist. „Er hat’s mir angeboten und aus einer Nachbarschaft ist so eine Freundschaft entstanden“ − neben dem Familienglück ein weiterer Baustein für den sportlichen Erfolg. Zudem verzichtet der Athlet gänzlich auf Alkohol und – so gut es geht – Süßigkeiten. „Seit März habe ich kein einziges Gummibärchen mehr in den Mund genommen“, berichtet er, „ich hab’ schließlich etwa vor.“
Genauso ist es: Der erst Weltcup wird vom 20. bis 23. April in Maniago (Italien) ausgetragen, Anfang Mai legen die besten Handbiker des Globus’ an der belgischen Nordsee-Küste in Oostende los, Ende Mai fliegt Manuel Scheichl wieder über den großen Teich zu Weltcup 3 in den USA, im August steht die WM in Glasgow in seinem Terminkalender. Die Quali-Norm für die kontinentalen Meisterschaften steht zwar noch nicht fest, „aber die werde ich schon noch erfahren“. Zwischen diesen vier Fix-Terminen liegen allerhand Lehrgänge und Trainingslager des Deutschen Behindertensportverband und des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Bayern – wenn der Niederbayer da mal nicht aus der Puste kommt? Von wegen: „Ich will nächstes Jahr angreifen“, sagt der 41-Jährige im Brustton voller Überzeugung, „ich will mich für die Paralympics in Paris qualifizieren.“
Drei Weltcups und eine Weltmeisterschaft
Und daher wird er im Jahr 2023 auch ein weiteres körperliches Problem angehen, um eine Malaise seiner Behinderung besser kompensieren zu können. Scheichls Puls geht nicht über 170. Zusammen mit seinem Trainer Sternath möchte er Mittel und Wege finden, um auch „untertourig“ volle Leistung bringen zu können. Sein größter Antrieb kommt jedoch durch die Liebe seiner Frau und seiner Söhne Tobias und Simon, für die Burschen ist der Papa ein echter Champion. „Meine Familie steht immer hinter mir“, sagt der Sportsmann – da wird’s warm im Rottal.
Quelle: Passauer Neue Presse, 24.12.2022, Michael Scherer

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